FEU1200

1919

Feuchtwangen vor 100 Jahren
Teil I: Zwischen Wahlkämpfen, befürchteten Revolutionen und den Alltagssorgen

Die allererste Ausgabe des Bayerischen Grenzboten, des Amts- und Anzeigenblattes für das Bezirksamt Feuchtwangen, vom 2. Januar 1919, zeigt eindrucksvoll, in welch unruhigen Zeiten sich die Kreuzgangstadt vor einhundert Jahren befand. Bereits mit der ersten Schlagzeile „Die süddeutschen Staaten gegen die Berliner Zentralgewalt“ wird kurz nach dem Ende des ersten Weltkrieges im November 1918 förmlich greifbar, wie sehr man darum rang, wie das künftige Deutschland auszusehen habe. Und auch in Feuchtwangen steht die Politik im neuen Jahr an der ersten Stelle. Auf einer Wahlversammlung der Bayerischen Mittelpartei am 1. Januar 1919 wurde den Kriegsteilnehmern, „insbesondere den Verwundeten und Verstümmelten, tatkräftige Unterstützung“ zugesagt. Die Kriegsbegeisterung von 1914 ist dem Umgang mit dem Grauen des Krieges gewichen. Von der Stadtverwaltung bis hin zu den Vereinen und Verbänden sind die Anliegen, die Anerkennung des Erlebten und die Wiedereingliederung der „Frontrückkehrer“ das herausragende Thema des gesamten Jahres. Im gleichen Atemzug mit den vielfältigen Problemen und Sorgen der Kriegsteilnehmer versuchte man auch in der Mittelpartei, die ersten Geschehnisse und Entwicklungen nach dem Ende des Kaiserreiches einzuordnen. Die Beibehaltung der Schutzzölle, die „anständige Bezahlung der Lehrer“, die Verstaatlichung von Grund und Boden oder die „Mängel des derzeitigen Regierungssystems“: alles Themen, bei denen unterschiedliche Vorstellungen, Visionen und Erwartungen der Nachkriegspolitik aufeinanderprallten. Nach der „großen Politik“ kommt man aber auch an diesem ersten Tag des Jahres 1919 schnell auf die Probleme zu sprechen, die die Menschen vor Ort betreffen. In der damals landwirtschaftlich geprägten Region ist die Stimmung düster. Auch wenn es sich um eine Sitzung der Mittelpartei handelte, geben Teilnehmer die Schuld den „Junkern“, die während des Krieges „die großen Dreschprämien für ihre Taschen zu sichern wussten, während die Kleinbauern infolge Mangels der Dreschmaschinen nicht in der Lage waren, die Dreschprämie sich zu Nutze zu machen“.

Der gesamte Jahresanfang 1919 war zunehmend von den Wahlkämpfen für den Landtag und die Nationalversammlung geprägt, bei der eine große Neuerung die Gemüter zusätzlich bewegte: das Frauenwahlrecht. Anzeigen zu Wahlversammlungen betonten nun ausdrücklich „Wähler und Wählerinnen“ und die „Aufforderung zu lebhafter Wahlbeteiligung auch seitens der Frauen und Dienstboten“ wurde ausgerufen. Es gab Feuchtwangerinnen, die mehr wollten, als nur am Wahltag zusammen mit Dienstboten ihre Stimme abzugeben. So wurde in der neu gegründeten Feuchtwanger Ortsgruppe der Demokratischen Partei mit Veronika Stengel erstmals eine Frau stellvertretende Vorsitzende und bei den später im Jahreslauf 1919 stattfindenden Wahlen in den Kreisen und Kommunen kam es in Feuchtwangen gleich zum Eklat, weil die Vorschlagsliste „Vereinigung“ von „einer kleinen Minderheit und zudem noch größtenteils von Damen geschaffen“ wurde, die die Vorstellungen mancher Honoratioren so störten, dass flugs eine zweite Vorschlagsliste mit dem Namen „Fortschritt“ geschaffen wurde.

Dass demokratische Wahlen doch noch etwas ganz neues sind, wird in der Grenzboten-Ausgabe vom 10. Januar 1919 deutlich, als den Feuchtwangerinnen und Feuchtwangern umfangreich erklärt wurde, dass der „Wähler darauf achten [müsse], dass er den richtigen Wahlzettel hat. [...] Hat der Wähler keinen Stimmzettel zur Hand, so kann er sich selbst einen machen. Er muss von weißem Papier sein und soll 9 Zentimeter breit und 12 Zentimeter lang sein. Wahlzettel aus buntem Papier, z. B. braune, sind ungültig“. Ein Prozedere, das aus heutiger Sicht natürlich etwas irritiert. Bei der ersten Landtagswahl waren aber nur die Umschläge amtlich gestempelt. Die Parteien und Gruppierungen verteilten Vordrucke mit den Namen ihrer Kandidaten oder man wählte die Variante des selbstgebastelten Stimmzettels, der, um gültig zu sein, jedoch ausdrücklich vom Wähler verlangte, den „Vor- und Zuname, Stand und Wohnort seines Kandidaten richtig anzugeben“. Dieser Wahlzettel wurde dann im Wahllokal „im Isolierraum“ in den offiziellen Umschlag gesteckt und anschließend in die Wahlurne geworfen.

Unmittelbar nach der Landtagswahl am 12. Januar 1919 mündete der Wahlkampf in die heiße Phase für die Wahl der Deutschen Nationalversammlung am. Zwischen Schlagworten von „Bayern den Bayern“ der - nicht überraschend - Bayerischen Volkspartei bis hin zu „Friede und Freiheit sei neuen deutschen Volksstaates erstes Losungswort“ der Deutschen Demokratischen Partei wurden schon damals seitenfüllende Anzeigen im Bayerischen Grenzboten geschaltet. Trotz der Titelschlagzeilen von Revolutionen und Aufständen im Reich und der Sorge, dass die Wahlen gestört werden, ging in Feuchtwangen alles seinen geregelten Gang. Lapidar wird am Tag nach der Wahl bemerkt: „Der gestrige Wahlsonntag ist hier sehr ruhig verlaufen. Die Wahlbeteiligung war fast in sämtlichen Orten des Bezirks eine geringere als bei der Wahl zum Landtag.“

Mehr erfahren: Hier finden Sie zusätzliche Artikel zum Kriegsbeginn 1914 und zum Kriegsende 1918. Die Fortsetzung für die Monate März und April 1919 finden Sie hier.

Vor 1.200 Jahren wurde das Benediktinerkloster zum ersten Mal in einem historischen Dokument, der „Notitia de servitio monasteriorum“, im Jahr 819 erwähnt. Das Kloster gehört dabei zu vier Klöstern „in Allamannia“, die Abgaben als Unterstützung für Kaiser Ludwig den Frommen erbrachten. Diese Ersterwähnung ist der Feiergrund für unser Jubiläum „1.200 Jahre Feuchtwangen“.


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