FEU1200

1919

Feuchtwangen vor 100 Jahren
Teil III: Schon wieder Wahlkampf. „Vereinigung“ und „Fortschritt“ im Clinch


Zu Über die sozialen Medien hat man sich in den heutigen Tagen an hitzige Debatten und zuweilen ausfällige Kommentare leider fast schon gewöhnt. Dass es einst aber nur andere Medien waren, in denen Konflikte ausgetragen wurden, sieht man eindrucksvoll an den Geschehnissen in der Kreuzgangstadt vor genau einhundert Jahren.

Ende Mai, Anfang Juni 1919 zog in Feuchtwangen der nächste Wahlkampf ein. Waren es Anfang des Jahres die Wahlen für den Landtag und die Nationalversammlung, so standen jetzt am
15. Juni 1919 die Bezirks-, Kreis- und Gemeindewahlen an. Die Listenaufstellungen endeten in großem Wahlkampfgetöse, was man eigentlich vermeiden wollte. Um gemeinsame Ziele und eine gewisse Überparteilichkeit für die Herausforderungen nach dem erst noch kurz zurückliegenden Weltkrieg auszudrücken, wurde Ende Mai unter dem Kennwort „Vereinigung“ eine parteiübergreifende Wahlvorschlagsliste aufgestellt und am 30. Mai 1919 im Bayerischen Grenzboten abgedruckt. Vertreter der Freien Bürgerlichen Vereinigung, der Deutschen Demokratischen Partei, der Sozialdemokraten und der Bayerischen Mittelpartei stellten über Parteigrenzen hinweg 24 Kandidaten auf. Für den großen Knall brauchte es genau einen Tag, was dem Tempo aufgeheizter Social-Media-Debatten heutiger Zeit schon ziemlich nahe kommt. In Großen Lettern mit dem Wort „Gegen-Wahlvorschlag ‚Fortschritt‘“ entstand noch am 30. Mai eine zweite Liste. Wörtlich heißt es dazu: „Der gestern im ‚Bayerischen Grenzboten‘ veröffentlichte gemeinsame Wahlvorschlag der hiesigen politischen Parteien ist von einer Minderheit der wahlberechtigten Einwohnerschaft aufgestellt und kann in seiner Zusammensetzung nicht gutgeheißen werden.“ Am nächsten Tag wurde eine Anzeige abgedruckt, in der nochmals darauf hingewiesen wurde: „Wenn sich die hiesige Einwohnerschaft in dieser eminent wichtigen Zeit noch nicht in letzter Stunde dazu aufrafft, um für die Zukunft bestimmend mitwirken zu können, dann bleibt der erwerbsfreudigen Bevölkerung im Voraus jede Möglichkeit auf sichtlichen wirtschaftlichen Erfolg vorenthalten. (...) Es ist deshalb Pflicht eines jeden Einwohners, dem eine bessere Vertretung der genannten Stände am Herzen liegt und der Interesse am Aufblühen unserer Stadt hat, sich an den Gemeindewahlen bzw. an den Vorarbeiten zu beteiligen, um dadurch die allzu konservativen Anschauungen der seitherigen Verwaltung in andere Bahnen zu lenken.“ Eine weitere Parallele zur heutigen Social-Media-Zeit war die Anonymität der Schreiber. So wurde der Aufruf lapidar mit „Mehrere Bürger“ unterzeichnet und erregte natürlich weiteren Zorn.

Der Höhepunkt des Wahlkampfes zwischen den beiden Gemeindelisten war am 12. Juni erreicht. Zunächst warfen Redner auf einer Versammlung der Feuchtwanger Ortsgruppe der Deutsch-Demokratischen Partei der Gegenliste „Fortschritt“ vor, „im Geheimen“ entstanden zu sein und sich aus Bürgern zusammenzusetzen, die sich zu keiner Partei öffentlich bekennen würden. Zudem wurden einzelne Listenkandidaten der „Fortschritts“-Liste beschuldigt, eine Aufstellung zur Wahl nur aus eigenem Profit anzustreben. Die Reaktion eines der Beschuldigten erfolgte dann auch prompt am Tag nach der Versammlung mit einer ganzseitigen „Aufklärung“ im Bayerischen Grenzboten.

Der Angegriffene weist jegliche Vorwürfe des Eigennutzens von sich und erklärt stattdessen die Intention des „Fortschritts“ im Entgegenwirken der aktuell „rückschrittlichen Verwaltung“ in Feuchtwangen sowie im Streben nach der wirtschaftlichen Existenz und dem Aufblühen der Stadt und ihrer Industrie. Er mahnt die Bürger, mit der anstehenden Wahl die bisherige Stadtverwaltung zu durchbrechen, damit sich Feuchtwangen endlich „dem Zug der Zeit“ anpassen könne.

Da Angriff bekanntlich die beste Verteidigung ist, folgten Anschuldigungen und Kritikpunkte gegenüber der ersten Wahlvorschlagsliste. Diese sei „einseitig aufgestellt“ und habe keinen Bezug zur breiten Öffentlichkeit. „Die Wahlvorschlagsliste ‚Vereinigung‘ wurde von einer kleinen Minderheit und zudem noch größtenteils von Damen geschaffen“ und bestehe mehrheitlich aus „stadtfremden, zugezogenen Bürokraten“, die „unmöglich am Wohl der Stadt interessiert sein [können], sie sorgen zunächst nur für ihre eigenen Interessen“.

Der Grenzbote stellt fest, dass dieser Wahlkampf „etwas unruhiger verlaufen [sei], als man es sonst hier gewohnt war.“ Am Wahlsonntag wurde das Kriegerdenkmal und der Röhrenbrunnen mit roten Fähnchen dekoriert und „auf dem Marktplatz kam es wiederholt zu lebhaften Auseinandersetzungen zwischen Anhängern der verschiedenen Parteien“.

Dann wurde endlich gewählt, was schnell wieder zu einer Beruhigung der Gemüter in Feuchtwangen führte. Der Wahlvorschlag „Vereinigung“ erhielt 721 Stimmen und konnte damit neun Sitze erringen, davon fünf für die Demokatische Partei, zwei für die Sozialdemokraten und zwei für die Mittelpartei. Die „Fortschrittsliste“ erhielt drei Sitze, davon zwei für die Mittelpartei und einen Sitz für den Vertreter der Bayerischen Volkspartei.

Mehr erfahren: Hier finden Sie zusätzliche Artikel zum Kriegsbeginn 1914 und zum Kriegsende 1918.

Vor 1.200 Jahren wurde das Benediktinerkloster zum ersten Mal in einem historischen Dokument, der „Notitia de servitio monasteriorum“, im Jahr 819 erwähnt. Das Kloster gehört dabei zu vier Klöstern „in Allamannia“, die Abgaben als Unterstützung für Kaiser Ludwig den Frommen erbrachten. Diese Ersterwähnung ist der Feiergrund für unser Jubiläum „1.200 Jahre Feuchtwangen“.


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