FEU1200

1919

Feuchtwangen vor 100 Jahren
Teil IV: Was für ein Sommerloch


Es herrscht Sommer in Feuchtwangen und während vor allem die Wahlen der zurückliegenden Monate zu hitzigen Debatten und vielfältiger Berichterstattung führten, ist in den Sommermonaten Juli und August des Jahres 1919 wenig los. So wenig, dass den Vertretern der Freien Bürgerlichen Vereinigung der Kragen platzte. Von 233 Mitgliedern kamen nur 28 zu einer Versammlung. Über die „schwach besuchte“ Sitzung wurde dann auch im „Bayerischen Grenzboten“ deutliche Kritik geäußert: „Wie andernwärts, so tritt auch hier immer wieder die Interessenlosigkeit des bürgerlichen Mittelstandes zu Tage. Man schimpft und räsoniert lieber am Biertisch, anstatt im Verein seine Anschauung zu machen.“

Dabei stand ein durchaus interessantes Thema auf der Tagesordnung. Der erste Vorläufer einer Busverbindung stand zur Debatte. Von Seiten des Stadtmagistrats Ansbach war angeregt worden, „staatliche Kraftwagenfahrten auf den Strecken Ansbach-Feuchtwangen und Ansbach-Dinkelsbühl“ zu erproben. Die Oberpostdirektion dämpfte aber die Erwartungen. Es werde noch dauern, mit „einer baldigen Eröffnung der Linien ist jedoch auf keinen Fall zu rechnen, da in erster Linie die vor dem Kriege bereits vorhanden gewesenen staatlichen Kraftwagenlinien wieder in Betrieb genommen werden müssen.“ Die Einrichtung einer Linie sei aber durchaus möglich, die beteiligten Kommunen müssten sich jedoch bereit erklären, „die Haftung für die jährlich ungedeckt bleibenden Beträge für Abschreibung und Verzinsung des Anlagevermögens zu übernehmen.“ Bei den 28 anwesenden Vertretern der Freien Bürgerlichen Vereinigung kam das weniger gut an. Nach der Diskussion war man sich einig, dass „für eine Linie Ansbach-Feuchtwangen-Dinkelsbühl ein absolutes Bedürfnis eigentlich nicht vorliege wegen der in Friedenszeiten günstigen Bahnverbindung, auch seien die Fahrpreise bei der Bahn wesentlich günstiger als bei einer Autoverbindung“. Viel besser wäre es doch, wenn es eine Linie zwischen Schnelldorf-Feuchtwangen-Bechhofen-Gunzenhausen geben würde, was aber wegen der anstehenden Kosten für die Stadt Feuchtwangen auch eher kritisch gesehen wurde.

Auch die Gründungsmitglieder der Ortsgruppe der Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei hatten ein Problem mit fehlenden Anwesenden. Hier war der Hauptreferent aus Nürnberg kurzfristig verhindert und so musste die Versammlung um eine Woche verschoben werden. Der „Bayerische Grenzbote“ stellte dann lapidar fest: „Redner bemängelte [...] die Zusammensetzung der Friedensdelegation, verbreitete sich über die Schuldfrage des Kaisers und des militärischen Systems und ging hierauf zur Sozialisierungsfrage über [...]. Um zu diesem Hauptziel der USP zu gelangen, dürfe die Revolution nicht stillstehen, der Kampf gegen den Kapitalismus müsse fortgesetzt werden.“ Die Anwesenden waren wohl etwas sprachlos über so viel neue Revolution und neuen Kampf. Der Grenzbote bemerkte: „Zur Diskussion meldete sich niemand.“  

Dass man sich nach dem Ende des Krieges und den vielfältigen Revolutionswirren nach Ruhe sehnte, war schon in der Ausgabe des 1. Juli 1919 auf der Titelseite greifbar. Ein Gedicht endet mit den Strophen:

„Jetzt ist Friede! Kein Glockenklingen;
Läutet ihn ein, kein frohes Singen!;
Trübe und sorgenvoll schreitet die Zeit,
Glück und Frohsinn, wie weit, wie weit.

Und doch ist Friede! Sammelt die Garben!
Lass Hergott uns Volk nicht darben,
Geh‘ auch der äußere Glanz in Scherben;
Lass nur das Innere nicht ganz verderben.“

Und auch eine neue dunkle Zeit deutet sich schleichend an. Der Bayerische Landesverband im Zentral-Verein Deutscher Staatsbürger Jüdischen Glaubens schaltet am 29. Juli 1919 eine Anzeige im „Bayerischen Grenzboten“. Darin heißt es u. a. „Bayerns Juden haben bisher friedlich und mit der übrigen Bevölkerung zusammengelebt und gearbeitet und Freud und Leid mit ihr geteilt. Seit mehreren Monaten aber herrscht eine wilde antisemitische Hetze. In Stadt und Land werden verlogene Hetzblätter und Plakate verbreitet [...] Sie wollen die Juden zum Südenbock machen. Das ist der Kern der Sache. So erklärt sich auch, dass man aller geschichtlichen Wahrheit zuwider, die Verantwortung für den Krieg, seine Verlängerung und seine Folgen, aber auch für sein vorzeitiges Ende, auf die Juden abwälzen will. [...] Wir flüchten uns an die Öffentlichkeit und bitten alle anständigen Menschen in Stadt und Land, mit uns eine Macht zu bilden gegen eine Agitation, die nicht nur uns bedroht, sondern auch den öffentlichen Frieden“. Im Jahr 1919 gab es in Feuchtwangen noch offenen Widerspruch gegen antisemitisches Auftreten. So heißt es zu einem politischen Vortrag „In der Diskussion widersprach der Vorsitzende der hiesigen Ortsgruppe der Deutschen Volkspartei, Herr Linberger, verschiedenen Anschauungen des Herrn Redners, ebenso verwahrte sich Herr Stern gegen die in einem Flugblatt der Bayerischen Volkspartei enthaltene Hetze gegen das Judentum“. Doch in nur wenigen Jahren nahm das Unheil mit einem offenen Antisemitismus auch in Feuchtwangen seinen Lauf.

Mehr erfahren: Hier finden Sie zusätzliche Artikel zum Kriegsbeginn 1914 und zum Kriegsende 1918.

Vor 1.200 Jahren wurde das Benediktinerkloster zum ersten Mal in einem historischen Dokument, der „Notitia de servitio monasteriorum“, im Jahr 819 erwähnt. Das Kloster gehört dabei zu vier Klöstern „in Allamannia“, die Abgaben als Unterstützung für Kaiser Ludwig den Frommen erbrachten. Diese Ersterwähnung ist der Feiergrund für unser Jubiläum „1.200 Jahre Feuchtwangen“.


Stadt Feuchtwangen, Kirchplatz 2, 91555 Feuchtwangen
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